Perspektiven kritischer Männlichkeit

Feministische Perspektive

auf kritische Männer und Weiblichkeit

Die „Fahre ich jetzt noch heim oder penne ich bei dir?“ Frage stelle ich meist spätabends meinen platonischen, männlichen oder weiblichen Freunden. Denn es gilt sich wieder einmal gedanklich mit dem Nachhauseweg auseinanderzusetzen. Man kann ja nun Mal keine Gedanken lesen, kein Mensch kann das, und so wissen die Meisten nicht, dass diese Frage sich uns Frauen nicht aus einer Furcht vor Schlafmangel oder Lust auf den nächsten Netflix Bildschirm stellt. Sondern aus einer Furcht vor euch Männern. Vielleicht nicht vor allen Männern, aber doch gestaltet sich die Differenzierung schwierig, man kann dir auf der dunklen Straße nun Mal nicht im Gesicht ansehen, dass du ein lieber Mensch mit Waage-Aszendent bist und schon seit Anbeginn deiner Zeit nichts als Frieden und Liebe gespendet hast. Daher gilt es für uns zumeist die Straßenseite zu wechseln, wenn man auf einem allnächtlichen Nachhauseweg mal wieder Schritte hinter sich hört und bei einem schnellen Schulterblick einen männlich gelesenen Schatten erhascht. Tatsächlich ist mir das neulich einmal untergekommen, und ich tat wie gelernt: Straßenseite gewechselt, andere Ampel genommen, um den Park herumgegangen, fertig. Allerdings, eine Seitenstraße vor meiner ersehnten Haustür, da kreuzten sich unsere Wege wieder. Ich sah ihn wohl etwas verdutzt an. Er zögerte nicht und ging ein paar Schritte auf mich zu: „Tut mir leid, Entschuldigen Sie.“ Ich, kurz davor mir in die Hose zu pinkeln: „Bitte bleiben Sie da stehen!“. „Oh, Entschuldigung, natürlich. Ehm, ich würde gerne wissen, ob sie vorhin wegen mir die Straßenseite gewechselt haben?“. Was denkt der sich denn bitte, natürlich habe ich das! „Oh, das wollte ich wirklich nicht verursachen! Ich gehe hier nur spazieren, ich will ihnen wirklich nichts Böses!“ Uff, denke ich mir, könnte immer noch ein Vergewaltiger sein. „Okay. Ja, Sie wissen ja, als Frau sollte man immer vorsichtig sein. Wechseln Sie doch einfach nächstes Mal die Straßenseite, anstelle von mir!“ „Ja, ich kann mir vorstellen, dass das gut tut. Naja, schönen Abend wünsche ich Ihnen noch!“ „Danke, Ihnen auch!“. Mein Herz hat immer noch wie doof geklopft aber am Ende war ich erleichtert: Ein Mann mehr der mitdenkt = Eine Frau weniger deren Herzinfarkts Risiko durch abendliches Nachhause kommen steigt.

Allerdings ist es damit lange nicht getan: es wird in dieser Anekdote verkannt, dass das größte Risiko für sexualisierte Übergriffe an Frauen immer noch aus dem Freundes-, Familien-, Bekanntenkreis herrührt. Die Meisten unserer Freunde würden wahrscheinlich, ohne viel Gejammer und nach einer kurzen Überredungszeit (von mir zum Beispiel) von sich aus die Straßenseite wechseln. Wofür also dieser ganze Stress des Nachhauswegs und warum kommt das Beispiel immer wieder auf?

Folgende Audioinhalte sind Teile eines Gesprächs das ich mit einem 23 jährigen, Cis-Mann[3] & Freund führte. 

Wahrscheinlich aus den Erfahrungen, die wir leider in unserem Leben mit Männern machen mussten, sei es nun im engen Kreis oder mit Fremden: Fast jede siebte Frau in Deutschland ist von sexualisierter Gewalt betroffen, 99% dieser Gewalt wird von Männern verübt[3]. Wie bei so vielen Problemstellungen die uns heutzutage beschäftigen, fällt auch hierbei auf: Die Veränderung fängt in deinem eigenen Kopf an, in deinen Hirnwindungen, worüber du dir Gedanken machst bildet deine Realität ab. Wieso keine weibliche Selbstkritik? (Frage ich mich als Frau, die dazu erzogen wurde sich selbst gegenüber am skeptischsten zu sein – das nennt man internalisierte Misogynie)[4]. Mein Standpunkt ist ein weiblicher. Das BKA (Bundeskriminalamt) hat dazu 2019 die Partnerschaftsgewalt untersucht. In einem Fünftel der angezeigten Delikte des Bereiches sexueller Nötigung bis hin zu Vergewaltigung waren die Täter ehemalige Partner. In 81% der Fälle waren Frauen die Opfer sexualisierter Gewalt.[5]

!function(e,i,n,s){var t="InfogramEmbeds",d=e.getElementsByTagName("script")[0];if(window[t]&&window[t].initialized)window[t].process&&window[t].process();else if(!e.getElementById(n)){var o=e.createElement("script");o.async=1,o.id=n,o.src="https://e.infogram.com/js/dist/embed-loader-min.js",d.parentNode.insertBefore(o,d)}}(document,0,"infogram-async");

Nun also keine kritische Weiblichkeit mehr, davon gibt es erst einmal schon genug. Kritische Männlichkeit – Profeministische Meinungen und Auseinandersetzungen, die nicht von Frauen kommen sind unglaublich wichtig, denn das Patriarchat unterdrückt FLINT*-Personen. Dennoch leiden eben alle darunter. Auch Männer. Es ist anstrengend Rollenerwartungen und Selbstbilder zu erfüllen, sich selbst beweisen zu müssen, eher zu Aggressionen zu greifen als zu Trauer. Und das nicht, weil sein Inneres biologisch aggressiver ist, sondern durch Sozialisierung, systematische Hintergründe und fehlender Empathie von Männern gegenüber Männern. Kritische Männlichkeit soll dazu führen, dass sie freiwillig von ihrem Hohen Ross heruntersteigen. Angreifbar sind, verletzlich, kritikfähig, über sich selbst lachen können.

Daher wollen wir uns den Männern widmen, uns ihnen etwas annähern und zuhören.

In der Kommunikation über Männlichkeit wird gerne vergessen, dass es im Feminismus um folgendes geht: Diversität und Gleichberechtigung (Bitte nochmal an die Schulzeit erinnern: Sie sind nicht gleich. Sie sind gleichwertig. Unterschied.). Der Feminismus hat zur Aufgabe, das Unverhältnis der Geschlechter aufzulösen. Wenn es dabei eine Frauenquote benötigt, Vaterschaftsurlaub, die Anpassung der Sprache – warum nicht? Frauen die Chauvinistinnen sind, Männer die weich, schwach sind, gewähren sich innerlich die Annahme, diese Eigenschaften als männlich oder weiblich abzutun. Das ist schon der Anfang des Übels: Die Geschlechtertrennung in sich gegenseitig ausschließende Gruppen. Die Welt der Männer ist unsere Welt. Die Welt der Frauen ist unsere Welt.  Die Vergangenheit war jahrhundertelang eine Zeit der Trennung der Geschlechter. Die Gegenwart ist eine Zeit der Annäherung. Die Zukunft wird hoffentlich eine Zeit der Akzeptanz unserer eigenen Vielschichtigkeit, des Miteinander Lebens sein. Aus meiner weiblichen, gutmütigen Sicht ist das leicht gesagt. Dabei ist diese perspektive vielleicht einfach nur gutmütig. Und nicht automatisch weiblich.

[3]https://www.frauenrechte.de/images/downloads/hgewalt/Sexuelle-Gewalt-in-Deutschland.pdf

[4] Wenn jemand sich mit seinem angeborenen Geschlecht identifiziert nennt man diese Person eine Cis-Frau oder eben einen Cis-Mann.

[5] Internalisierte (verinnerlichte) Misogynie (Ablehnung gegenüber Frauen)

[6] https://www.bka.de/SharedDocs/Downloads/DE/Publikationen/JahresberichteUndLagebilder/Partnerschaftsgewalt/Partnerschaftsgewalt_2019.pdf?__blob=publicationFile&v=2

Der Versuch einer Selbstreflexion

Ich bin 25 Jahre alt, weiß, in Berlin geboren und würde mich selbst als Mann oder zumindest männlich bezeichnen. Ich befinde mich in einer Phase meines Lebens in der ich damit kämpfe zu definieren wer ich eigentlich bin oder sein möchte und welche Rolle ich mir selbst in dieser Gesellschaft zuschreibe. Einen großen Einfluss darauf haben natürlich mein soziales Umfeld, Themen mit denen ich mich privat oder für meine Studien beschäftige, die Medien, Werbung und (so pathetisch es klingen mag) das Weltgeschehen. Auf diesen Zeilen möchte ich einen kurzen Einblick gewähren, zu welchen Überlegungen mich das Nachdenken über „kritische Männlichkeit“ gebracht hat. Ähnlich dem Feminismus hinterfragt dieses Konzept stereotype Rollenbilder und stellt die Reflexion der Anforderungen an Männlichkeit in unserer Gesellschaft in den Vordergrund.

Ich habe das Glück, dass ich sowohl familiär als auch im Kreis der Menschen die ich mir als Freundinnen/Freunde aussuchen durfte, von Menschen umgeben bin, die ich als liberal, weltoffen und kritisch-reflektiert beschreiben würde.

Trotzdem, im Gespräch mit meinen männlichen (älteren) Familienmitgliedern stoße ich in letzter Zeit häufiger auf gewisse Gräben, die, umso mehr ich mich persönlich mit bestimmten Themen auseinandersetze, tiefer zu werden scheinen. Häufig geht es um Themen globaler Ungerechtigkeit wie Rassismus, Sexismus, Patriarchat, Krieg, Klima und Nachhaltigkeit. Sind wir doch häufig ähnlicher Meinung, so spüre ich, dass in mir die Ungeduld mit meinen Mitmenschen wächst. Diese Ungeduld gepaart mit Unverständnis für bloße Lippenbekenntnisse zu genannten Themen, führt bei mir zu Frustration. Gerade im Bezug auf stereotype Geschlechterrollen fallen mir bei mir selbst und bei meinen Mitmenschen Defizite in der Auseinandersetzung mit diesen auf. Das Konzept der Kritischen Männlichkeit, will den Männlichkeitsbegriff der in unserer Gesellschaft vorherrschend ist, dekonstruieren und hinterfragen um auf die Anforderungen und Sexismen die mit ihm einhergehen sichtbar zu machen. Im Gespräch mit meinen Mitmenschen wirkt der Begriff des Sexismus wie ein rotes Tuch und droht jedes Gespräch zu einem Streitgespräch eskalieren zu lassen. Niemand lässt sich gerne Sexismus vorwerfen, gerade weil selten anerkannt wird in welchen Feinheiten der Sprache und Denkmuster dieser bereits beginnt.

Betitele ich bestimmte Aussagen als sexistisch, wird mir Dogmatismus vorgeworfen.

So scheinen die Fronten, auch aufgrund mangelnder Überzeugungskraft meinerseits, teilweise etwas verhärtet. Doch stehen wir uns (ich verbleibe im familiären Umfeld) wirklich derart gegenüber? Zumindest in diesen teilweise recht abstrakten Diskussionen scheint das der Fall, doch wenn wir den Blick auf alltägliche Verhaltensweisen und Konsummuster lenken, ist bei jedem von uns die geschlechtsspezifische Prägung offenkundig. Es bedarf dafür keiner theoretischen Diskussion mithilfe ausgeprägten Fachwissens über die aktuellsten Erkenntnisse der Debatte um Feminismus und Gleichberechtigung, sondern vielmehr einer sorgsamen Beobachtung seiner selbst.

Denn ein Bewusstsein für bestehende Machtverhältnisse zu haben und diese zu hinterfragen, bedeutet nicht, die Reproduktion dieser Verhältnisse in jeglicher Form auf den ersten Blick identifizieren zu können. Konsummuster, die ich bei mir selbst und meiner Familie beobachte, stehen sinnbildlich für unsere Prägung in diesem patriarchalen System. Dabei fällt es mir persönlich schwer, zwischen Entscheidungen freien Willens und aufgezwungenen Rollenbildern und daraus resultierenden Handlungen zu unterscheiden. Ist es mein freier Wille wenn ich mir bei DM Bartpflegeprodukte mit aufgedruckten vollbärtigen „Idealmännern“ kaufe oder entspringt dies meinem Wunsch mit meiner Erscheinung diesem Archetypen von Maskulinität zu entsprechen.

Diese Idealtypischen Männlichkeitsbilder sind gesellschaftlich konstruiert und begegnen uns alltäglich – am aufdringlichsten in der Werbung oder allgemein in mit dem Konsum verbundenen Räumen und Bildern. 

Der Kapitalismus hat es geschafft diese Rollenbilder für Profite zu instrumentalisieren und diese durch stetige Versorgung der Bevölkerung mit entsprechenden Bildern immer weiter zu festigen. Die Bewertung einer Entscheidung als „aus freiem Willen“ entstanden, erscheint vor diesem Hintergrund illusorisch, da wir uns keinesfalls von dem Einfluss kapitalistischen, patriarchalen und sexistischen (um nur einige zu nennen) Gedankenguts befreien können. Die Organisation „Pinkstinks“ sammelt die sexistischsten unter den alltäglich-sexistischen Werbekampagnen und bringt diese somit zur Anklage. Sie stellen sich, nach eigener Aussage, gegen starre Geschlechterrollen und dem damit verbundenen Marketing. „Frauen als Käpt‘n und Männer als Feen: nicht immer, aber auch!“ ist auf ihrer Webseite zu lesen. Somit geht es nicht darum mir als Konsumenten Bartpflegeprodukte auszureden, sondern eine Auseinandersetzung mit meinen Gründen auszulösen – warum ich diesem „Ideal“ nacheifere. Damit soll die Macht von Bildern, die uns tagtäglich vermittelt werden aufgebrochen werden um letztlich eine folgende Abkehr von diesen Stereotypen zu erreichen. Die Frage ob meine Entscheidung zum Kauf bestimmter Produkte frei von Prägung ist, ist vor diesem Hintergrund weder relevant noch abschließend zu beantworten. Doch kann das Hinterfragen stereotyper Geschlechterrollen dazu beitragen, diese Variable bei der Ausbildung der eigenen Persönlichkeit aus der Gleichung zu nehmen. Ein Vorgang den ich persönlich, als nahezu erwachsener Mensch, sehr begrüße. Denn, diese stereotypen gehen einher mit Anforderungen an Menschen und ihre Persönlichkeit um als „richtige*r“ Frau bzw. Mann anerkannt zu werden. Diese Anforderungen schaden letztlich allen Mitgliedern der Gesellschaft, da sie Unfrei machen und Unterdrückung manifestieren.

Der Konsum und seine geschlechtsspezifische Ausprägung steht hier nur als „harmloser“ Aspekt eines Problems innerhalb unseres Systems Modell. Ein System das in jeglichen gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Bereichen Ungleichheit manifestiert hat.

Nun ist es gerade – aber natürlich nicht nur – als weißer, männlicher Mitteleuropäer notwendig diese gefestigten Rollenbilder zu kritisieren. Dies birgt Herausforderungen, weil das Patriarchat und der Kapitalismus gerade meine Bevölkerungsgruppe auf diesen Sonnigen Ast gesetzt haben und daher eine gewisse Lethargie bestehende Verhältnisse zu ändern zu beobachten ist. Jedoch gehen die Machtverhältnisse derart weit auseinander, dass eine nachhaltige Änderung ihrer selbst nur in Zusammenarbeit mit den derzeitigen Profiteuren gelingen kann. Dessen bin ich mir bewusst, umso mehr entmutigt es mich, dass ich meine (männlichen) Familienmitglieder nicht mit wenigen Sätzen von meinen Gedanken überzeugen kann. Obwohl ich zweifelsohne eher als Nutznießer des patriarchalen Systems gelten kann, und das beobachte ich glücklicherweise auch bei vielen meiner Mitmenschen, ist bei mir doch die Überzeugung entstanden sich schnellstmöglich dieser verstaubten Ideale entledigen zu wollen. Ob es sich bei mir um bloße Lippenbekenntnisse handelt kann ich selbst schwer einschätzen. Ich versuche mein eigenes Handeln so zu gestalten, dass ich niemanden in ihrer/seiner freien Lebensausübung einschränke. Und ja, ich wechsele tatsächlich die Straße, wenn ich nachts hinter einer weiblich gelesenen Person laufe um kein Unbehagen auszulösen. Ich versuche auch mich mit den Ursachen für viele meiner Denk-und Verhaltensmuster auseinanderzusetzen. Das meine Auseinandersetzung mit meiner selbst tief genug reicht um die Feinheiten meiner geschlechtsspezifischen Prägung zu erkennen, wage ich zu bezweifeln. Dies ist ein Prozess der sicherlich noch lange anhalten wird. Große Fortschritte mache ich durch die Spiegelung meines Wesens durch nicht-männliche Menschen meines Umfelds. Durch eine Bewusstmachung dieser Perspektiven fällt es mir leichter mein eigenes Handeln zu reflektieren auch wenn ich selbst noch weit davon entfernt bin, und es höchstwahrscheinlich nie zur Vollendung bringen werde, meine (männliche) Prägung zu begreifen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.